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’My Faith in Americans is Renewed with every Adoption’: Transnational and Transracial Adoptions in Postwar America

Pearl S. Buck, US-amerikanische Schriftstellerin und ausgezeichnet mit dem Nobel Preis für Literatur, adoptierte im Jahr 1951 medienwirksam das afrodeutsche Mädchen Henriette aus Deutschland (Buck, „Should white Parents adopt Brown Babies?”). Buck adoptierte außerdem mehrere Kinder aus Asien und war eine Verfechterin von transracial Adoptionen, also die Adoption nicht-weißer Kinder durch weiße Paare. In einer Zeit, in der die sog. Rassentrennung in den USA legale und soziale Praktik war, mutete diese Haltung progressiv, revolutionär – oder in den Augen der KritikerInnen kommunistisch an. Auch Mabel A. Grammer, Journalistin für den Baltimore Afro-American und Ehefrau eines in Deutschland stationierten GI, adoptierte mehrere afrodeutsche Kinder. Grammer machte es sich zudem zur Aufgabe, hunderte dieser Kinder mit Hilfe ihrer Zeitung an afroamerikanischen Paare zu vermitteln (vgl. Silke Hackenesch, „’I identify primarily as a Black German in America‘: Race, Bürgerrechte und Adoptionen in den USA der 1950er Jahre“). Diese Form der sog. proxy adoption war in den späten 1940ern und 1950er Jahren eine gängige, wenn auch umstrittene Praxis transnationaler Adoptionen, mit der vor allem Kinder aus Deutschland und wenig später (Süd)Korea in die USA adoptiert worden sind. Proxy adoptions ist ein Terminus technicus und beschreibt „Fernadoptionen“, bei denen das Kind seinen neuen Adoptiveltern erst bei seiner Ankunft in den USA begegnete. Bei dieser Art von Adoptionen waren keine Jugendämter oder SozialarbeiterInnen involviert und sämtliche Standards der üblichen Adoptionspraktik ausgehebelt.
In der Historiographie zur Geschichte internationaler Adoptionen wird der Zweite Weltkrieg als „watershed moment“ bezeichnet (Carp, Leon-Guerrero. “When in Doubt, Count.”.) Tatsächlich lässt sich in den Nachkriegsjahren ein sprunghafter Anstieg an internationalen Adoptionen verzeichnen. Das lag zum einen an einem Mangel an weißen, gesunden, ‚adoptierbaren‘ Babys, da weniger junge Frauen ungewollt schwanger wurden. Zum anderen führten die Beziehungen von im Ausland stationierten US-Soldaten mit den dort lebenden Frauen zu einer großen Zahl von sog. war babies, deren Existenz breite mediale Aufmerksamkeit erfuhr. Gerade vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und den Auseinandersetzungen um Bürgerrechte, Elternschaft und Reproduktion avancierten internationale Adoptionen in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem progressiven und humanitären Akt, während VertreterInnen von Wohlfahrtsorganisationen und Kinderfürsorge ein weitaus kritischeres Bild dieser Praktik zeichneten. Das Habilitationsprojekt untersucht anhand von „Adoptions-Aktivisten“ wie Grammer und Buck sowie mit Blick auf die ausgehenden 1940er und 1950er Jahren den Entstehungskontext dieser Praktik. In der Debatte um transnationale Adoptionen, die überwiegend transracial waren, so die These, bündelten sich etliche Diskurse, die zu der Zeit prominent und kontrovers verhandelt worden sind – u.a. die Kultur des Kalten Krieges, die an Dringlichkeit gewinnende Bürgerrechtsbewegung sowie normative Auffassungen von Familie und die Aufgaben von Sozialarbeiter*innen als „professionelle Gestalter*innen“ von Familie. So wurde die Adoption der Kinder aus Deutschland durch afroamerikanische Familien als Rettung vor einer faschistischen Gesellschaft popularisiert, während die aus Korea adoptierten Kinder vor dem Kommunismus bewahrt werden sollten. Dass gerade schwarze amerikanische Familien sich darum bemühten, ein schwarzes deutsches Kind zu adoptieren, kann durchaus auch als Kritik an heimische Adoptionsagenturen interpretiert werden, die afroamerikanische Paare in der Regel nicht als adäquate Eltern für Adoptivkinder ansahen.
Das vorliegende Projekt verfolgt somit mehrere Fragen: Warum generierten diese transnationalen Adoptionen ein so großes öffentliches Interesse und breite mediale Berichterstattung, wenn die Anzahl dieser adoptierten Kinder zunächst relativ gering war; was waren größere gesellschaftspolitische Fragen, die diese Adoptionen berührten? Warum konnten sich Paare vorstellen, ein nicht-weißes Kind aus dem Ausland zu adoptieren, nicht aber etwa ein Kind aus einem US-Heim, das nicht-weiß oder racially mixed und somit „hard to place“ war; warum profitierten z.B. afroamerikanische Heimkinder nicht vom Ideal der „colorblindness“ und der „multicultural family,“ welches sich in den 1950er Jahren zu einem auch von afroamerikanischen Bürgerrechtsorganisationen wie der National Urban League postulierten Ideal entwickelt hatte? Warum beäugten Nichtregierungsorganisation wie der International Social Service (ISS) und die Child Welfare League of America (CWLA) transnationale Adoptionen im Allgemeinen, und die Arbeit von Pearl Buck und Mabel Grammer im Besonderen so kritisch?
Die Kindheitswissenschaften sind spätestens seit den 1990er Jahren zu einem neuen innovativen und interdisziplinär bearbeiteten Feld avanciert (vgl. Winkler, Kindheitsgeschichte). Im Zuge dieser Forschungen wurden die Kategorien „Kind“ und „Kindheit“ historisiert und einer kritischen Analyse unterzogen. Vor allem in der Kindheitsgeschichte wurde erforscht, was Kind-Sein in bestimmten Jahrhunderten und Dekaden ausmachte, und wie unterschiedlich sich Kindheitserfahrungen auch mit Blick auf die Kategorien race, class und gender ausnehmen. In den letzten Jahren haben vor allem die Erfahrungen von Kindern im Zweiten Weltkrieg verstärkt Aufmerksamkeit erlangt (vgl. Kleinau, Mochmann. Kinder des Zweiten Weltkrieges). Daran anknüpfend nimmt das Projekt zum einen die distinkten Erfahrungen Adoptierter in den Blick und analysiert andererseits die Diskurse um sie; diese berühren u.a. Fragen nach Staatsbürgerschaft, race, Identität und kultureller Zugehörigkeit.